Ein Stück Norderney auf unserem Tisch
Häufig sind es Urlaubsmitbringsel, die unsere Bierverkostungen besonders interessant machen. Dieses Mal haben wir Jörg und seiner Begleitung Netti zu verdanken, dass ein Bier von der Nordseeinsel Norderney bei uns auf dem Tisch steht. Das Norderneyer Pils stammt von der dortigen Inselbrauerei und ist schon optisch eine Besonderheit. Dabei müssen wir zugeben: Über die Brauerei und das Bier wissen wir zunächst erstaunlich wenig. Umso gespannter sind wir, was uns erwartet.
Diese Flasche ist ein kleines Kunstwerk
Bevor wir überhaupt ans Probieren denken, beschäftigen wir uns mit der Verpackung. Die Flasche ist ungewöhnlich groß, besitzt einen Bügelverschluss und ist aufwendig gestaltet. Das Design wirkt hochwertig und hebt sich deutlich von den üblichen Bierflaschen ab. Schon beim Öffnen gibt es den ersten begeisterten Kommentar: „Geil, geil, oder?“ Der Bügelverschluss liefert einen ordentlichen Knall. Und wir überlegen kurz, ob diese Flasche nicht eigentlich viel zu schade für den Altglascontainer ist. Eine Sammlung besonderer Bierflaschen haben wir zwar noch nicht. Aber irgendwo muss man schließlich anfangen.
Naturtrüb – und optisch fast wie ein IPA
Beim Einschenken kommt die nächste Überraschung. Das Norderneyer Pils ist deutlich naturtrüb und zwar nicht nur ein kleines bisschen. Die kräftige Trübung und die schöne Schaumkrone sorgen dafür, dass wir optisch zunächst fast an ein IPA denken. Dabei handelt es sich um ein klassisch norddeutsch interpretiertes Pils, nicht um ein India Pale Ale. Uns gefällt diese naturbelassene Optik ausgesprochen gut. Wir haben ohnehin eine gewisse Schwäche für unfiltrierte Biere. Sie wirken häufig ursprünglicher und können geschmacklich zusätzliche Nuancen mitbringen.
Der erste Schluck: Was ist das denn?
Dann probieren wir und sind ziemlich schnell begeistert. Das Bier schmeckt unglaublich frisch. Nicht unbedingt frisch im Sinne von besonders säuerlich oder zitrusbetont. Eher entsteht ein schwer zu beschreibender Eindruck von Lebendigkeit und Klarheit. „Das ist super frisch irgendwie.“ Gleichzeitig ist das Norderneyer Pils ausgesprochen süffig. Es besitzt eine angenehme Weichheit, die wir bei einem norddeutschen Pils nicht unbedingt in dieser Form erwartet hätten. Wir versuchen, einzelne Aromen zu beschreiben. Vielleicht etwas Fruchtiges? Vielleicht sogar eine leicht nussige Note im Abgang, die uns an Walnuss erinnert? So richtig festlegen können wir uns nicht. Was wir allerdings sofort wissen: Das schmeckt uns richtig gut.
Ein Pils ohne störende Ecken
Manchmal probieren wir Biere, bei denen eine bestimmte Eigenschaft die gesamte Verkostung bestimmt. Zu bitter. Zu süß. Zu sauer. Zu wenig Kohlensäure. Beim Norderneyer Pils finden wir erstaunlich wenig, woran wir uns stören könnten. Das Bier wirkt weich, ausgewogen und angenehm unkompliziert. Dazu kommen die hefigen Eindrücke, die wir während der Verkostung wahrnehmen. Möglicherweise hängen diese mit der Naturtrübung zusammen. Sicher feststellen können wir das beim Probieren natürlich nicht. Aber gerade dieses Zusammenspiel macht das Bier für uns interessant.
Wie kommt eigentlich das Trinkwasser auf eine Insel?
Während der Verkostung beschäftigen wir uns mit einer Frage, die uns tatsächlich schon bei anderen Inselbieren begegnet ist. Wie funktioniert die Trinkwasserversorgung auf einer Insel, die vollständig von Salzwasser umgeben ist? Denn nach den Angaben, die wir während der Verkostung besprechen, wird das Norderneyer Pils mit Trinkwasser von Norderney gebraut. Das führt uns zu einer kleinen Diskussion über Regenwasser, Grundwasser und die Frage, wie Süßwasser auf einer Nordseeinsel überhaupt vorhanden sein kann. Die grundlegende Erklärung ist eine Süßwasserlinse: Regenwasser versickert im sandigen Untergrund und bildet aufgrund seiner geringeren Dichte einen Süßwasserkörper über dem salzhaltigen Grundwasser. Dass dieses Thema während einer Bierverkostung aufkommt, zeigt einmal mehr, wie viele interessante Geschichten selbst hinter einem vermeintlich einfachen Pils stecken können.
Kurzes MHD – aber warum?
Eine weitere Besonderheit fällt uns auf der Flasche auf. Das Mindesthaltbarkeitsdatum scheint vergleichsweise kurz auszufallen. Jörg hatte uns bereits darauf hingewiesen, dass wir das Bier möglichst zeitnah probieren sollten. Wir vermuten einen Zusammenhang mit der Naturtrübung und der fehlenden Filtration. Das ist grundsätzlich plausibel, aber nicht die einzige mögliche Erklärung. Auch die Wärmebehandlung, die Abfüllung und die Lagerbedingungen beeinflussen die Haltbarkeit eines Bieres. Ohne genauere Angaben der Brauerei können wir den konkreten Grund nicht sicher bestimmen. Uns gefällt jedenfalls die Vorstellung, ein frisches Inselbier nach dem Urlaub relativ zeitnah zu Hause zu genießen. Dann sind die Erinnerungen an Norderney schließlich noch besonders lebendig.
Vier Botschaften auf der Flasche
Auch das Etikett beschäftigt uns länger als gewöhnlich. Neben der aufwendigen Gestaltung entdecken wir kleine Symbole, die klare Botschaften vermitteln. Freundlich miteinander umgehen, keine Waffen, eine deutliche Haltung gegen Nationalsozialismus und kein Autofahren nach dem Trinken. Wir fassen das spontan als eine Art vier Biergebote zusammen. Eine ungewöhnliche, aber sympathische Art, Haltung auf einer Bierflasche sichtbar zu machen.
Das perfekte Bier für den Strandkorb?
Spätestens jetzt sind wir gedanklich längst auf Norderney. Wir stellen uns vor, wie wir mit einem frisch gezapften Norderneyer Pils im Strandkorb sitzen, auf die Nordsee schauen und einfach den Moment genießen. Das Bier passt für uns hervorragend zu dieser Vorstellung. Es ist frisch, weich und so unkompliziert, dass man nicht ständig darüber nachdenken muss, welche Aromen gerade im Vordergrund stehen. Und trotzdem besitzt es genügend Charakter, um nicht beliebig zu wirken. Genau diese Mischung begeistert uns.
Dann fällt tatsächlich die Zehn
Irgendwann müssen wir Punkte vergeben. Und diesmal dauert die Entscheidung nicht lange.
Thomas: 10 von 10 Punkten.
Eine Höchstwertung für das Norderneyer Pils. Die Begründung ist ziemlich einfach: Das Bier macht genau das, was wir uns von einem richtig guten Pils wünschen. Es schmeckt hervorragend, ist weich, süffig und besitzt keine störenden Eigenschaften. Der zweite von uns bleibt nur knapp darunter.
Alex: 9 von 10 Punkten.
Nicht, weil uns ein konkreter Fehler auffallen würde. Sondern weil die Höchstwertung bei uns eben etwas Besonderes bleiben soll. Das ergibt einen Durchschnitt von 9,5 von 10 Punkten. Ein außergewöhnliches Ergebnis für ein Bier, das wir vor dieser Folge noch gar nicht kannten.
Unser Fazit: Norderney kann Pils
Das Norderneyer Pils hat uns auf ganzer Linie überzeugt. Die außergewöhnliche Flasche macht neugierig, die Naturtrübung sorgt für eine interessante Optik und geschmacklich bekommen wir ein bemerkenswert frisches, weiches und süffiges Pils. Besonders gefällt uns, dass das Bier trotz seiner unkomplizierten Trinkbarkeit einen eigenen Charakter besitzt. Ein Pils, das wir uns nicht nur auf Norderney im Strandkorb vorstellen können, sondern jederzeit auch zu Hause trinken würden. Vielen Dank an Jörg und Netti für dieses wirklich gelungene Mitbringsel.
Und jetzt haben wir eine neue Aufgabe:
Welche anderen Nordsee- und Ostseeinseln besitzen eigene Brauereien? Wenn ihr spannende Inselbiere kennt, die wir unbedingt testen sollten, schreibt uns eure Empfehlungen. Vielleicht starten wir irgendwann unsere ganz eigene Inselbier-Serie.
Fakten zum Norderneyer Pils
Bier: Norderneyer Pils
Herkunft: Norderney, Ostfriesische Inseln, Niedersachsen
Bierstil: Pils / German Pils
Optik: Deutlich naturtrüb, schöne Schaumkrone
Zutaten laut Verkostung: Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe
Flasche: Großformatige Bügelflasche
Geschmackseindruck: Sehr frisch, weich, süffig, leicht hefig, stellenweise fruchtige und nussige Assoziationen
Gesamtbewertung: 9,5/10
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