Herrenholzer Lütt Damp - Rauchbier aus Norddeutschland überzeugt. Der Biertest.

Herrenholzer Lütt Damp: Unser erstes Rauchbier direkt mit 9 Punkten

Rauchbier klingt nach einer Kategorie, bei der man entweder begeistert ist oder nach dem ersten Schluck genug hat. Mit dem Lütt Dampf der Herrenholzer Privatbrauerei aus Lutten wagen wir uns erstmals an diesen Bierstil. Statt einer Rauchbombe bekommen wir allerdings ein erstaunlich zugängliches Bier mit Schinkenassoziationen, wenig Kohlensäure und einem langen, rauchigen Abgang. Das Ergebnis überrascht uns selbst.

Eigentlich wollten wir ein ganz anderes Bier

Manchmal entstehen unsere Folgen eher zufällig. Thomas war in Lutten bei Goldenstedt, um bei der Herrenholzer Privatbrauerei Bier für ein geplantes Tasting abzuholen. Dort betreiben Mischa und Kerstin eine wirklich kleine Brauerei, bei der Handarbeit keine Marketingformulierung ist, sondern schlicht beschreibt, wie dort gearbeitet wird. Die Herrenholzer Privatbrauerei wird seit 2023 in Verzeichnissen niedersächsischer Brauereien geführt. Als Braumeister wird Mischa Böske genannt. Beim Besuch bekam Thomas zusätzlich zum eigentlich bestellten Bier noch eine andere Flasche mit.

Lütt Damp. Rauchbier.

Damit war ziemlich schnell klar, was wir damit machen. Trinken. Vor laufender Kamera.

Unser erstes Rauchbier

Tatsächlich haben wir in inzwischen ziemlich vielen TBONTB-Folgen noch kein klassisches Rauchbier bewertet. Das ist insofern interessant, weil dieser Bierstil einen Ruf besitzt, der ihm weit vorausgeht. Wer Rauchbier kennt, erzählt einem normalerweise sofort davon. Und wer es nicht mag, erzählt einem das häufig noch deutlicher. Vor allem ein Name fällt dabei immer wieder: Schlenkerla aus Bamberg. Mischa hatte Thomas allerdings bereits bei seinem Besuch erklärt, dass sein Lütt Dampf deutlich zurückhaltender mit dem Rauch umgehen soll. Das beruhigt uns zunächst nur bedingt.

Aber warum schmeckt Bier überhaupt nach Rauch?

Die entscheidende Zutat ist Rauchmalz. Beim traditionellen Herstellungsprozess wird das Malz über beziehungsweise im Rauch getrocknet. Dabei nimmt es die charakteristischen Raucharomen auf. Diese gelangen später über das Malz ins Bier. Beim Lütt Damp kommt laut Etikett ausdrücklich Buchenrauchmalz zum Einsatz. Daneben finden wir Wasser, Gerstenmalz, Haferflocken, Hopfen und Hefe. Zucker wird für die Karbonisierung verwendet. Die entscheidende Frage bleibt allerdings: Wonach schmeckt Rauch eigentlich?

Nein, nicht nach Osterfeuer

Wer bei Rauchbier unmittelbar an Qualm vom Grill oder an die Klamotten nach einem Abend am Osterfeuer denkt, bekommt ein falsches Bild. Zumindest bei diesem Bier. Unsere Assoziation geht ziemlich schnell in eine andere Richtung: geräucherter Schinken. Das ist wesentlich angenehmer, als es geschrieben zunächst klingt. Schon beim Riechen ist das Raucharoma klar vorhanden. Es dominiert die Nase, erschlägt uns aber nicht. „Smoke on the Water kann ich ja noch nicht erkennen.“ Das ändert sich auch beim Trinken nicht.

Das Interessanteste passiert erst nach dem Schluck

Der erste Schluck überrascht uns. Nicht, weil das Lütt Dampf besonders extrem wäre. Sondern gerade deshalb, weil es das nicht ist. Das Bier kommt zunächst erstaunlich zugänglich daher. Erst danach entwickelt sich das Raucharoma immer stärker. Alex beschreibt den Effekt ziemlich treffend:

„Man nimmt einen Schluck, lässt das ein bisschen wirken und dann kommt nach hinten das Raucharoma.“

Das macht das Lütt Dampf für uns spannend. Der Rauch liegt nicht einfach wie eine dicke Decke über allem. Er baut sich auf und bleibt anschließend lange im Mund. Dazu kommt eine leichte Säure. Und noch etwas fällt uns auf. Wo ist die Kohlensäure? Das Lütt Dampf wirkt ausgesprochen ruhig. Auf dem Etikett wird Zucker für die Karbonisierung angegeben. Im Glas nehmen wir davon allerdings überraschend wenig wahr. Das ist zunächst auffällig, wird für uns aber nicht zum Kritikpunkt. Bei einem klassischen Pils würden wir fehlendes Prickeln deutlich negativer bewerten. Beim Lütt Dampf passt dieses weichere, ruhigere Mundgefühl dagegen erstaunlich gut zum kräftigen Malz- und Raucharoma. Das ist allerdings eine subjektive Verkostungsbeobachtung. Aus unserem Eindruck lässt sich nicht ableiten, dass das Bier grundsätzlich zu wenig karbonisiert ist. 

Und was essen wir jetzt dazu?

Spätestens hier verlassen wir kurz die reine Bierverkostung. Denn dieses Bier schreit für uns nach Essen. Ein kräftiger Käse erscheint uns unmittelbar passend. Ebenso können wir uns deftige Speisen dazu vorstellen. Und dann entsteht eine Idee, bei der vermutlich jeder Brauer zusammenzuckt:

BBQ-Sauce.

Ein Bier mit einem derart deutlichen, aber angenehmen Buchenrauchcharakter als Bestandteil einer selbst gemachten Barbecue-Sauce? Das müsste funktionieren. Natürlich wäre es bei einem handwerklich gebrauten Bier für rund drei Euro pro Flasche nicht unbedingt die wirtschaftlichste BBQ-Sauce unseres Lebens. Probieren würden wir es trotzdem.

Genau die richtige Menge Rauch?

Das Entscheidende am Lütt Damp ist für uns die Dosierung. Wir verstehen nach dieser Verkostung durchaus, warum Menschen Rauchbier ablehnen. Wäre das vorhandene Aroma zwei- oder dreimal so intensiv, sähe unsere Bewertung wahrscheinlich anders aus. Hier funktioniert es. Das Bier besitzt genug Rauch, um eindeutig als Rauchbier erkennbar zu sein. Gleichzeitig bleiben andere Eindrücke erhalten. Damit eignet es sich aus unserer Sicht hervorragend für Menschen, die sich erstmals an diesen Stil heranwagen wollen.

Herrenholzer: ziemlich kleines Brauhandwerk

Ein zusätzlicher Reiz liegt für uns in der Brauerei selbst. Hier steht kein großer Industriebetrieb hinter dem Produkt. Die Herrenholzer Privatbrauerei sitzt in Goldenstedt-Lutten im Landkreis Vechta und gehört zu den kleinen niedersächsischen Brauereien. Thomas beschreibt den Betrieb nach seinem Besuch als extrem überschaubar und persönlich. Die Flaschen werden in Handarbeit abgefüllt und direkt vor Ort verkauft; laut Mischa ist auch ein begrenzter Versand möglich. Diese Details stammen aus Thomas' Besuch und dem Gespräch vor Ort, nicht aus unabhängig veröffentlichten Unternehmensangaben. Und diese direkte Verbindung zum Brauer gefällt uns. Man kann nicht nur ein Bier kaufen, sondern mit dem Menschen sprechen, der es entwickelt und gebraut hat. Für uns gehört genau das zur interessanten Seite von Craft Beer.

Und dann erzählt Mischa noch von 200 Mentholbonbons

Als wäre ein Rauchbier noch nicht ungewöhnlich genug, erzählt Thomas während der Folge von einem weiteren Sud, an dem Mischa bei seinem Besuch gearbeitet hat.
Dafür sollen rund 200 bis 250 Mentholbonbons einzeln ausgepackt worden sein. Was daraus geschmacklich wird, wissen wir noch nicht. Die Geschichte zeigt allerdings ziemlich gut, weshalb kleine Brauereien interessant sind: Es kann ausprobiert werden. Mischa, falls das Bier fertig ist: Wir wissen, wo Lutten liegt.

Jetzt müssen Punkte her

Dann stehen wir vor einem Problem. Wie bewertet man sein erstes Rauchbier? Uns fehlt schlicht die Referenz. Wir wissen nicht, ob das nächste Rauchbier, das wir trinken, noch deutlich besser wird. Deshalb lassen wir beide bewusst einen Punkt Luft nach oben. Das Ergebnis ist trotzdem bemerkenswert.

Alex: 9 von 10 Punkten.
Thomas: 9 von 10 Punkten.

Damit landet das Lütt Dampf bei einer TBONTB-Gesamtwertung von 9/10.

„Die Welt der Rauchbiere hat sich uns noch nicht in ihrer Gänze erschlossen. Aber das hier ist auf jeden Fall ein geiler Start.“ 

Unser Fazit

Vor der Folge hätten wir nicht darauf gewettet, dass unser erstes Rauchbier unmittelbar bei neun Punkten landet. Das Lütt Damp schafft für uns eine entscheidende Balance: Es schmeckt eindeutig nach Rauch, ohne ausschließlich nach Rauch zu schmecken. Das Buchenrauchmalz erinnert uns an geräucherten Schinken. Die leichte Säure funktioniert dazu gut, die geringe wahrgenommene Kohlensäure sorgt für ein ungewöhnlich ruhiges Mundgefühl und der Rauch entwickelt sich vor allem im Abgang. Dazu kommt der handwerkliche Charakter einer winzigen Brauerei, bei der man im Zweifel direkt mit dem Brauer über das Bier sprechen kann. Für unseren Einstieg in die Welt der Rauchbiere hätte es deutlich schlechter laufen können.

Jetzt fehlt uns allerdings der Vergleich.

Welche Rauchbiere müssen wir als Nächstes testen?

Schlenkerla liegt auf der Hand. Uns interessieren aber gerade die kleinen, weniger offensichtlichen Kandidaten.

Faktenkasten

Bier: Lütt Dampf
Brauerei: Herrenholzer Privatbrauerei
Ort: Goldenstedt-Lutten, Niedersachsen
Braumeister: Mischa Böske
Bierstil: Rauchbier
Alkohol: 7 % vol.
Zutaten laut Etikett: Wasser, Gerstenmalz, Buchenrauchmalz, Haferflocken, Hopfen, Hefe; Zucker zur Karbonisierung
Charakter in unserer Verkostung: rauchig, leicht säuerlich, Assoziationen an geräucherten Schinken, wenig wahrnehmbare Kohlensäure
Alex: 9/10
Thomas: 9/10
TBONTB: 9/10 

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